Dressierte Affen statt Mitdenker: Wie Führung Eigenverantwortung verhindert

Veröffentlicht am 13.10.2026 von Walter Seidenader

Unselbstständige Mitarbeiter sind selten ein Charakterfehler, meist sind sie das Ergebnis einer Führungskultur, die keine eigenen Entscheidungen zulässt. Wer als Chef jede Freigabe selbst erteilen muss, erzieht sich sein Team genau so, wie er es später beklagt.

Die Geschichte vom Verkaufsleiter

Vor vielen Jahren hörte ich von einem Verkaufsleiter einen Satz, der bis heute hängen geblieben ist: „Ich will keine dressierten Affen.“ Im ersten Moment klingt das hart, dahinter steckte aber eine klare Führungsphilosophie.

Er wollte keine Mitarbeiter, die ihm nach dem Mund reden. Kein Team, in dem alle gleich denken, und schon gar keines, das bei jeder Entscheidung auf seine Zustimmung wartet. Stattdessen wollte er Menschen, die Dinge hinterfragen, eigene Ideen entwickeln und in manchen Bereichen sogar besser sind als er selbst.

Das Ergebnis: Sein Team entwickelte sich regelmäßig besser als der Markt. Nicht weil dort mehr gearbeitet wurde oder der Markt einfacher war, sondern weil jeder mitdachte, Dinge ausprobierte und an Lösungen arbeitete, statt nach Rechtfertigungen zu suchen.

Erklärungen statt Lösungen

In Gesprächen mit Unternehmen erlebe ich heute oft das Gegenteil. Da wird ausführlich erklärt, wie schwierig das Marktumfeld geworden ist, mit Statistiken, Branchenvergleichen und guten Argumenten, warum die Ergebnisse nicht besser sein können.

Vieles davon stimmt sogar. Die entscheidende Frage bleibt trotzdem offen: Was machen wir mit dieser Erkenntnis?

Und genau hier beginnt die eigentliche Führungsaufgabe: Räume zu schaffen, in denen dieses Suchen auch stattfinden darf.

Warum Kontrolle Eigenverantwortung verhindert

Wer jede Idee zuerst genehmigen, jede Entscheidung kontrollieren und bei jedem Fehler eingreifen muss, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann niemand mehr selbst entscheidet. Mitarbeiter lernen schnell, was sich lohnt: Entweder sie bringen Initiative ein und riskieren, korrigiert zu werden, oder sie warten ab, bis jemand anderes die Entscheidung trifft.

In vielen Unternehmen setzt sich mit der Zeit die zweite Variante durch. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Erfahrung. Wenn Eigeninitiative regelmäßig zurückgenommen oder übersteuert wird, verschwindet sie irgendwann von selbst.

Das Resultat sind Mitarbeiter, die genau das tun, was man ihnen sagt. Aber eben keine, die das Unternehmen wirklich weiterbringen.

Typische Muster übermäßiger Kontrolle

Jedes dieser Muster für sich erscheint oft harmlos oder sogar vernünftig. In Summe erzeugen sie aber ein Klima, in dem Eigenverantwortung nicht überlebt.

Was Unternehmen stattdessen tun können

Eigenverantwortung entsteht nicht durch einen Appell, sondern durch konkrete Entscheidungsspielräume. Das bedeutet in der Praxis:

Diese Maßnahmen klingen einfach, verändern aber spürbar, wie ein Team arbeitet. Wer merkt, dass seine Entscheidungen zählen, übernimmt auch Verantwortung für die Ergebnisse. Wer merkt, dass am Ende ohnehin alles noch einmal geprüft und verändert wird, hört irgendwann auf, sich Gedanken zu machen.

Weniger Rechtfertigung, mehr Richtung

Vielleicht sollten Unternehmen weniger darüber sprechen, warum etwas nicht geht, und öfter darüber, was getan werden könnte, damit es trotzdem funktioniert. Diese Verschiebung im Denken beginnt nicht bei den Mitarbeitern, sondern bei der Führung.

Wer jede Entscheidung an sich zieht, bekommt am Ende genau das Team, das er durch dieses Verhalten geformt hat: Menschen, die warten, statt zu handeln. Wer dagegen Freiräume schafft und aushält, dass Entscheidungen auch anders getroffen werden als man selbst es getan hätte, schafft die Voraussetzung für echte Eigenverantwortung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Mitarbeiter selbstständig genug sind. Sie lautet, wie viel Eigeninitiative in einem Unternehmen tatsächlich zugelassen wird.

Häufige Fragen

Warum werden Mitarbeiter oft unselbstständig?

Weil Führungskräfte ihnen zu wenig echte Entscheidungsspielräume geben und Entscheidungen regelmäßig selbst an sich ziehen. Mitarbeiter lernen dadurch, dass Eigeninitiative wenig bringt.

Was bedeutet der Satz vom Verkaufsleiter mit den dressierten Affen?

Er beschreibt den Wunsch nach Mitarbeitern, die selbst denken, Ideen einbringen und Dinge hinterfragen, statt nur Vorgaben zu erfüllen.

Wie können Führungskräfte mehr Eigenverantwortung zulassen?

Indem sie klare Entscheidungsbereiche definieren, Fehler als Lernchance behandeln und bewusst Entscheidungen an ihr Team abgeben.

Warum reicht es nicht, nur über ein schwieriges Marktumfeld zu sprechen?

Weil Erklärungen allein keine Ergebnisse verbessern. Entscheidend ist, was ein Team aus dieser Erkenntnis konkret macht und welche Lösungen es entwickelt.

Welchen Effekt hat zu viel Kontrolle auf ein Team?

Sie führt dazu, dass Mitarbeiter aufhören, eigene Entscheidungen zu treffen, weil Initiative ohnehin regelmäßig korrigiert oder übersteuert wird.

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